Wenn man kein Tourist ist

Möchte man weniger als 90 Tage in einem Land sein, ist das meistens kein Problem und ohne Aufwand möglich. Es gibt da sicher Ausnahmen, aber das dürfte für die meisten die Regel sein.

Wenn man länger als diese Zeit verweilen möchte, hat man mehrere Möglichkeiten. Man kann z.B. nach 90 Tagen aus- und wieder einreisen. Man kann aber auch ein Visum beantragen, was diese Zeit verlängert. Aus verschiedenen Gründen hatten wir uns für zweiteres entschieden. Das bedeutete etwas mehr Aufwand und Aufregung, bietet dafür aber nun mehr Flexibilität und einige Annehmlichkeiten, die uns als normale Touristen verwehrt geblieben oder erschwert worden wären.

Um an diese zu gelangen, mussten wir durch ein paar Reifen springen.

Wir haben ein sogenanntes Workation-Visum. Das hat Südkorea dieses Jahr erst eingeführt und soll es ermöglichen, dass man länger hier leben kann und ordentlich Geld ausgibt. Vielleicht erzähle ich irgendwann mal noch die Geschichte, wie wir zu dem Visum kamen.

Um sich legal länger als 90 Tage hier aufhalten zu können, muss man sich innerhalb dieser 90 Tage beim Immigration Office, der Einwanderungsbehörde, melden und eine Alien Residence Card, kurz ARC, beantragen.

Dafür geht man auf die Seite jener Behörde. Man kann dort zwischen vier Sprachen wählen: Koreanisch, Englisch, Chinesisch und Japanisch.

Also schnell auf Englisch geklickt, einen Account angelegt und los geht’s. Bis zum zweiten Schritt. Dort kann man 3-4 Auswahlboxen anklicken. Problem ist nur, dass das nicht geht. Zumindest nicht so, dass man den Knopf für den nächsten Schritt drücken kann.

Also die Seite auf Koreanisch umgestellt und von vorne losgelegt. Im Prozess die Sprache wechseln ist leider nicht möglich. Und nein, unsere Sprachkenntnisse sind nicht immens gewachsen. Für die Übersetzung hilft uns moderne Technik, in diesem Fall Papago eine koreanische Übersetzungsapp, vergleichbar mit der von Google. Damit kommen wir weiter.

Dann darf man sich eine der Zweigstellen der Behörde aussuchen. Die sind nach Stadtteilen aufgeteilt. Nur woher weiß man, welche für welchen Stadtteil ist? Nach etwas Recherche entschieden wir uns für eine. Da wir gerade in Jongno waren, nahmen wir einfach die dafür. Diese Entscheidung wird später nochmal relevant. Nun noch flugs den Grund ausgewählt, freien Termin rausgesucht, Passnummer und Name angeben und… eine Telefonnummer. Eine koreanische Telefonnummer. Haben wir probiert die leer zu lassen? Ja. Geht das? Nein.

Zum Glück haben wir uns vorher mit elektronischen, koreanischen SIM Karten versorgt. Die haben ja Telefonnummern. Diese Telefonnummern beginnen mit der Vorwahl 012. Welche Vorwahl kann man nicht auswählen? Genau.

Wenn man sich am Flughafen eine eSIM holt, was generell sehr zu empfehlen ist (Vodafone will z.B. 10€ pro Tag für Roaming), dann kann man wählen zwischen reinen Datentarifen und Tarifen mit der Option zum Telefonieren und SMS versenden. Ersteres ist meistens günstiger und komplett ohne menschliche Interaktion zu bekommen. Allerdings mit eben jener Vorwahl. Was als Tourist vollkommen ok ist.

Die anderen Tarife, die übrigens damit werben, dass man garantiert eine 010 Vorwahl bekommt, kann man zwar online buchen, muss man aber persönlich am Schaltern am Flughafen abholen. Aber das war genau das, was wir brauchten. Am Folgetag unseres ersten Versuchs, machten wir demzufolge einen kleinen Trip zum Flughafen. 90 Minuten hin, Nummer nach einer kleinen Suche erfolgreich bekommen und gleich einen neuen Versuch bei der Anmeldung gestartet. Die Nummer wurde angenommen. Beim Absenden der Anfrage gab es allerdings einen unverständlichen Fehler und man konnte von vorne beginnen. Ok, dachten wir uns probieren wir morgen mal. Wir haben ja nun die Nummer. Also noch schnell eine Kleinigkeit gegessen und dann ging es 90 Minuten zurück nach Hause.

Am Tag darauf versuchten wir es wieder. Immer noch der Fehler. Also wurde dieser gegoogelt. Schon vor zwei Jahren suchte jemand danach. Eine Lösung gab es nicht. Nach leichter Verzweiflung und einer weiteren Nacht, stießen wir dann auf einen (!) Beitrag bei Reddit, in dem jemand meinte, dass man das Formular auch ausfüllen kann, OHNE sich dort vorher anzumelden. Ganz entgegen dessen was dort stand. Also gleich probiert und siehe da, es klappt. Also schnell zwei Termine gebucht, übrigens mit der gleichen Telefonnummer, und nun hieß es 4 Wochen warten.

In diesen vier Wochen sind wir umgezogen. 400m weiter, auf die andere Straßenseite. In einen anderen Bezirk. Einen Bezirk für den die Zweigstelle mit unserem Termin nicht zuständig ist.

Wir sind da natürlich trotzdem hin. Eine andere Wahl hatten wir ja nicht wirklich. In den 4 Wochen haben wir immer wieder Horrorgeschichten aus dem Immigration Office gelesen. Leute werden angeschnauzt, keiner redet Englisch und überhaupt. Und dann kommen wir auch zum falschen Ort.

Was ist am Ende passiert? Uns wurde sehr nett, in ausreichendem Englisch gesagt, dass wir falsch seien. Zuvor wurde unser Antrag trotzdem kurz angeschaut und sortiert. Wir fuhren dann in die richtige Zweigstelle, dort erzählten wir kurz wo wir her kamen und auch dort wurden wir sehr nett behandelt. Dank guter Vorbereitung hatten wir alle Dokumente, Fotos und Geld dabei. Nach insgesamt einer halben Stunde waren wir fertig und dürfen uns in zwei Wochen die ARC abholen.

Wenn es etwas zu meckern gibt, dann ist es tatsächlich über die Webseite. Am Ende fand man dort auch alle Informationen, auch auf englisch, aber nicht gerade auf dem einfachsten Weg.

Aber was bringt uns das Ganze nun?

Um irgendeine App hier zu nutzen, besonders wenn es ums Geld ausgeben geht, braucht man eine Nummer, ähnlich unserer Sozialversicherungsnummer. Man kann ohne diese Nummer kein Essen / Einkauf bestellen, mit den Bezahlapps des Landes bezahlen, Konto eröffnen, usw. Das mag auch gehen, wenn man nur zwei Wochen hier ist und Urlaub hat. Durch den längeren Aufenthalt merkt man irgendwann wie sehr man doch eingeschränkt ist, am normalen Leben teilzunehmen und einige Annehmlichkeiten in Anspruch zu nehmen. Und das ist ja eine Erfahrung, die wir hier ja machen wollen.

Jedenfalls ist uns gestern ein großer Stein vom Herzen gefallen und fühlen uns immer mehr angekommen!